In Ostwestfalen gehört eine Portion Selbstmitleid zur regionalen Folklore. Das Glas ist hier traditionell eher halb leer als halb voll. Isso. Auch wir sind davon nicht völlig frei.
Gleichzeitig wissen wir, wie privilegiert wir sind. Wenn man einen Blick auf die Weltlage und die sog. Ränder der Gesellschaft wirft, wird schnell klar: die wirklichen Jammertäler liegen anderswo. Uns geht es wirklich gut.
Das OBS ist uns aber zu wichtig, um die Augen vor der Realität zu verschließen. Wenn der alte Festival-Kahn in schwere See zu geraten droht, wollen wir nicht tatenlos zusehen. Wir möchten gegensteuern – und euch mit an Bord nehmen, auch wenn der Wind gerade kräftig von vorn kommt.
Ein Problem, das viele Festivals betrifft
Wie leider viele liebevoll kuratierte kleine und mittelgroße Festivals steht auch das OBS derzeit vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen.
Abgesehen von der schleichenden Geldentwertung sind in den vergangenen Jahren nahezu alle Kosten rund um die Festivalproduktion stark gestiegen. In fast allen Bereichen kalkulieren wir inzwischen mit bis zu 30 % höheren Ausgaben als noch 2022.
Kaum ein Bereich des Festivals ist von der Kostensteigerung verschont geblieben:Künstler*innen-Gagen, Technik und Infrastruktur, Unterkünfte und Backstage-Verpflegung, Personal- und Dienstleistungskosten, Toiletten, Energiekosten, Wareneinkauf, Grundstücks- und Betriebsnebenkosten usw.
Während die Ausgaben steigen, sinken die Einnahmen.
Wir können alle Gründe, die derzeit viele potenziell Interessierte davon abhalten, Tickets zu kaufen, völlig nachvollziehen. Die Polykrise, Kriege und ihre materiellen wie psychologischen Auswirkungen, Inflation, die Preissteigerungen in allen Lebensbereichen, allgemeine Kaufzurückhaltung, die Weltlage allgemein, Angst um den Arbeitsplatz, andere Prioritäten, pi, pa, po – da spart man selbstredend zuerst dort, wo es vielleicht nicht so weh tut.
Auch die möglichst späte Entscheidung zum Kartenkauf ist leider mittlerweile allgemeine Realität geworden und belastet alle Veranstaltenden, Clubs wie Festivals.
Das OBS zu veranstalten ist immer ein Ritt auf der Rasierklinge. Aber diesmal ein ganz besonders heftiger. Ganz offen: Der VVK läuft nach OBS-Maßstäben leider äußerst schleppend. Wir haben noch viele Karten. Zu viele.
Um hier transparent vorzugehen ein paar Zahlen. Der VVK für diesjährige OBS steht jetzt bei 63% des Verkaufskontingentes von 3.400 Tickets. Letztes Jahr um diese Zeit hatten wir 400 Tickets mehr abgesetzt als jetzt.
Wer in der Schule nicht immer nur Kreide holen war kann sich schnell ausrechnen, dass noch 1.250 Karten zur Verfügung stehen.
Seit der Pandemie war das OBS nicht mehr ausverkauft. Wir konnten uns also in den vergangenen Jahren auch kein finanzielles Fett anfuttern.
Unsere Kalkulation ist nicht auf 100% Auslastung ausgerichtet, 90% ist unsere Zielmarke. Je nach weiteren Einnahmevariablen wie Merchandising und Getränkeumsatz kommen wir auch sehr gut mit 85% klar. Bei 80% kneift es schon ein wenig. Bei 75% tut es weh. Unter 75% schmerzt es arg.
Um im Bild zu bleiben: Aktuell liegen selbst bis zu dieser Marke noch viele Seemeilen vor uns.
Hinzu kommt erschwerend, dass wir uns in den letzten beiden Jahren über gehörige Projektmittel aus dem Bundes-Festivalförderfonds freuen durften. In diesem Jahr nicht.
Der OBS-Kahn zieht also ein Schleppnetz voller Steine hinter sich her. Die Kosten steigen und die Einnahmen sinken. Ungesund, das. Schwere See voraus.
Selbstverständlich kann man das alles als unternehmerisches Risiko bezeichnen, das ist es auch.
Was würden böse Konzernvorstände an unserer Stelle tun?
Die Angebotsqualität ausdünnen, die Hälfte der Personalkosten sparen, den Service minimieren, die Standgebühren signifikant erhöhen, Zusatzleistungen nicht mehr gratis anbieten, Sozialtickets und Jugendtickets einstampfen, Gagen nachverhandeln, die Artists und das eigene Team ausnutzen, an Sicherheit sparen, das Nachhaltigkeitskonzept und die Awareness-Strukturen über Bord werfen etc.
Das alles wollen wir nicht.
Wir möchten nicht am hohen Standard der OBS-Servicequalität sparen. Wir wollen diesen Ort, an dem ihr euch wohlfühlt und wo ihr willkommen seid, beschützen und bewahren. Auch wollen wir unserem Anspruch weiterhin gerecht werden ein enorm spannendes Line-Up, ein umfangreiches und liebevolles Rahmenprogramm, ein nachhaltiges Veranstaltungskonzept und ein sehr familienfreundliches Festival zu bieten. Dazu möchten wir weiterhin denjenigen Platz bieten, die sich der guten Sache verschrieben haben, den NGOs und Initiativen, mit denen wir kooperieren.
Wir möchten, dass das OBS mehr bleibt als nur eine Aneinanderreihung von Konzerten.Wir möchten weiterhin eure und unsere Akkus durch das OBS aufladen. Euch mit denEmotionen betanken, die sonst im garstigen Alltag oft fehlen. Wir möchten euch die Möglichkeit geben, ein eigentlich höchst privates Gefühl wie die Wirkung von faszinierender Live-Musik in Gemeinschaft zu erleben, in einem Rahmen, der all das ausklammert, was euch und uns sonst das Leben vergällt.
Wenn man so will, ist es eine Utopie, ein Gesellschaftsentwurf. Im Sinne von: so geht es auch. Alle sind gleich wichtig, ohne gleich zu sein, „Ich“ und „Wir“ werden nicht unterschieden. Alles kann, nichts muss. Wir wollen, dass die Tankfüllung, die ihr euch an der Lebenstankstelle abholt, weiter reicht als von Beverungen bis zu euren Lebensmittelpunkten. Wir möchten, dass ihr lange zehren könnt vom OBS, dass ihr bei uns nachhaltig Kraft schöpft.
Und ja, wir sind demütig genug zu wissen, dass sich das alles recht pathetisch liest. Und dass man eine Sause wie das OBS vielleicht gar nicht so überhöhen und mit Bedeutung aufladen sollte.
Aber erstens zeigen uns eure Reaktionen alljährlich, wie sehr ihr selbst euch mit dem OBS verbunden fühlt und zweitens, verdammt, ist es für uns nun mal wahrlich eine Herzensangelegenheit, ein Lebensinhalt sogar.
Zurück zur Banalität der Realität. Das alles kostet nicht nur Energie, es ist mit zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen verbunden, sprich: es kostet Geld.
Daher würden wir uns sehr freuen, wenn noch möglichst viele Tickets verkauft werden.
Denn wer mag schon Bella weinen sehen?
Das OBS war nie nur „unser“ Festival. Es ist ein gemeinsames Herzensprojekt. Eine Idee, die wir mit euch teilen. Damit das so bleibt, brauchen wir euch.
Wie könnt ihr helfen? Am besten durch Mundpropaganda, durch eure Empfehlungen also. Wir können noch so umfassend versuchen, mit unseren bescheidenen Mitteln so viel Reichweite wie möglich zu bekommen – Menschen, die das OBS noch nicht kennen, werden dadurch allein nicht veranlasst, Tickets zu kaufen.
Das aber könnt ihr ändern. Erzählt euren Freund*innen davon, wie schön und unvergesslich die drei Tage bei uns im Garten sind, erwähnt, dass das OBS wirklich eine Lebenstankstelle ist. Gebt eure Begeisterung weiter. Schwärmt vom OBS, so wie wir von euch schwärmen.
Außerdem: Teilt, liked und re-postet unsere Beiträge auf Instagram und Facebook. Schreibt Kommentare, verfasst Stories.
Kennt ihr vielleicht Firmen, die evtl. ernsthaft am Sponsoring des OBS Interesse hätten? Und die zum OBS passen? Dann her mit den konkreten Kontakten (bitte an info@orangeblossomspecial.de).
Das alles würde uns sehr helfen.
Und dann werden wir es gemeinsam schaffen, den alten Kahn OBS auf Kurs zu halten.
Unser ehrlicher Dank ist euch gewiss. Fühlt euch umarmt.
Genug gejammert.
Genießt die Frühlingssonne und freut euch mit uns auf das Pfingstwochenende.
Bis bald!



