Es gibt Bands, die machen langsame Musik. Und es gibt Codeine.
Als Stephen Immerwahr, John Engle und Chris Brokaw 1989 in New York Codeine gründeten, war noch nicht abzusehen, dass ihre Musik einmal als „Slowcore“ etikettiert werden würde. Damals gab es dafür noch kein Genre. Es gab nur diese eigentümlich schwere, beinahe schwebende Musik: Immerwahrs spröder, leiser, stets entrückter Gesang, Engles eigentümlich spitz klingende Gitarre, ein Schlagzeug, das sich alle Zeit der Welt nimmt – und Songs, in denen selbst ein einzelner Akkord schon wie eine kleine existentielle Krise wirken kann. Tempodrosselung als Kern der Ästhetik. So viel Zeit zwischen den Tönen, so viel Raum schaffende Ruhe: Codeine machten aus Langsamkeit keine Tugend, sondern eine eigene musikalische Physik. Ihre Stücke schleppen sich nicht dahin – sie bewegen sich mit einer stoischen Konsequenz, die jede Eile überflüssig macht. Melancholisch, minimalistisch, hypnotisch und zugleich erstaunlich druckvoll. Frigid Stars LP von 1990 und The White Birch von 1994 gehören zu den prägenden Alben des erst später von der Musikpresse so genannten Slowcore; Bands wie Low, Idaho, Spain, Dakota Suite oder Bedhead wären ohne den Weg, den Codeine legendär bereiteten, kaum denkbar.
Und es schließt sich hier ein Kreis: Codeines erste Single Pickup Song / 3 Angels erschien 1990 bei Glitterhouse, wenig später folgte die 7″ D. Im selben Jahr veröffentlichte Glitterhouse auch Frigid Stars LP – zunächst in Europa, bevor das Album an das damals noch junge Sub Pop Label, Keimzelle des Grunge, in den USA lizensiert wurde. Codeine waren nicht irgendeine Band im Glitterhouse-Katalog. Sie waren ein künstlerischer Leuchtturm und ein Stil-Unikat.
Codeine haben sich 1994 zunächst verabschiedet, später aber mehrfach wieder zusammengefunden. Nach einigen wenigen Auftritten zwischen 2023 und 2025 kommen sie 2027 wieder zusammen. Und so kommt diese Musik nun tatsächlich dorthin zurück, wo ihre Geschichte in Deutschland einst begann: in den ehemaligen Glitterhouse-Garten, zum Orange Blossom Special. Wo im Übrigen Chris Brokaw auch bereits mit Dirtmusic, Tamikrest und COME auftrat.
Langsam ist nicht gleich leise. Und melancholisch ist nicht gleich trübselig. Manchmal ist die intensivste Form der Kunst, die Zeit anzuhalten.
Codeine im OBS-Garten: ein Traum wird wahr.
(Foto: Daniel Bergeron)



