Meine Fresse! Ich nehme jetzt mal nicht das große Buch der Promo-Texte und des Musikjournalisten-Sprechs zur Hand – es würde dieser jungen Band aus den Niederlanden ohnehin nicht gerecht. Stattdessen schmeiße ich mich lieber hemmungslos in meine völlige Begeisterung.
Es begab sich neulich, in Groningen, beim ESNS-Festival, dass unsere kleine Reisegruppe auch noch am letzten Tag des Festivals zugegen war. Wir hatten vier Tage randvoll mit Live-Musik, frittiertem Essen, gallonenweise Bier, haushaltsüblichen Mengen Schnaps und einer Menge Spaß hinter uns. Jetzt hing ich dann doch etwas durch, man wird ja nicht jünger. Am letzten Abend, traditionell beim ESNS den niederländischen Bands vorbehalten, schleppten wir uns fast lustlos von einem überfüllten Konzert zum nächsten. So richtig bockte keines mehr. Aber es sollte ja noch diese eine Band kommen, von der ich zumindest ein bisschen was erwartet hatte, Grote Geelstaart. Übrigens ist der „Große Gelbschwanz“ ein Nachtfalter, sein Name wird ungefähr „Chroote Chäälstart“ ausgesprochen, aber ich schweife ab.
Es hieß, die Band sei befreundet mit Marathon, das eine oder andere Video im Vorfeld war vielversprechend, ein Vertrauter munkelte, sie seien womöglich unterhaltsam. Joa, wird vielleicht okay werden. Also hin da. Und. Dann. Passierte. Das.
So etwas habe ich ewig nicht gesehen, wenn überhaupt jemals.
Grote Geelstaart machen den kranksten geilen Scheiß, den wir je auf den Garten losgelassen haben. Ja, klar, White Wine und ein paar andere Bands waren beim OBS vielleicht auch mehr oder weniger schräg oder nicht innerhalb einer Norm unterwegs, einige waren heftig, viele waren dynamisch, einige hatten Kunstanspruch, andere wurden ihm gerecht. Aber diese 19- bis 22-jährigen Buben, stets im Sonntags-Outfit zugange, die – um das mal sehr grob zu skizzieren – zwischen Black Midi, Devo, Sonic Youth, Fat Dog, Lysistrata und Dadaismus herumberserkern, sind wirklich the shit. Noise-Rock, Postpunk, krautiges Getöse, Performance-Art, alles in einen Eimer gerotzt und zu etwas Genialischem verrührt. Musikalisches Malen-nach-Zahlen war nie weiter entfernt als hier. Das ist große Kunst, unvorhersehbar, fordernd, abwechslungsreich, irrwitzig spannend, nicht auszurechnen, selbstbewusst und, ja, einfach sau-geil.
Sie kommen aus einem winzigen Kaff in der Provinz Zeeland, sind Brüder und Cousins, haben sich alle Instrumente selbst beigebracht, sie singen auf Niederländisch, aber laut Niederländern versteht niemand dort, was die da brüllen und murmeln. Denn sie nutzen eine sehr metaphorische Sprache, die sie auch noch in einem lokalen Dialekt auf das Publikum loslassen. Und es wird noch besser. Sie wollen verklausulierte Geschichten erzählen in ihren brachialen Stücken – aber ihnen war klar: so junge Menschen wie sie selbst hatten noch nicht so viel erlebt, was als Story tragen würde. Also befragten sie ältere Einwohner ihres Heimatdorfes, was die erinnernswertesten Geschichten in ihrem Leben waren. Und strickten aus diesen Erzählungen ein philosophisches Höllenfeuer.
Ihre Auftritte sind nicht weniger als sen-sa-tio-nell. Sie spielen mit einer solchen Wucht, bei gleichzeitiger Coolness – man steht da mit offenem Mund und wünscht sich, dass dieses reinigende Gewitter nie vorbeiziehen möge. Man fragt sich WAS IST DAS? Es ist in der Kombination neu, die originellste Band, die ich seit Jahren gesehen habe. Ja, die anstrengendste auch, aber leicht kann jeder. Solche Kunst kann lebensverändernd sein. Danach ist man fast zwangsläufig nicht mehr derselbe. Sie sind ein einziger durchdringender Schrei ins kollektive Arschgesicht der Welt.
Das OBS wird ihr erstes Open-Air Festival in Deutschland sein. Ich weiß, dass das ein forderndes Erlebnis wird. Ich weiß aber auch, dass das OBS-Publikum offen und bereit für neue musikalische Erfahrungen ist. Also bitte: Vollversammlung!
Nach dem Konzert in Groningen waren wir beseelt und gleichzeitig leer. Wir konnten es einfach nicht fassen, dass es so etwas gibt. Und ich wusste: wenn ich nach dem OBS tot umfallen sollte, so habe ich wenigstens solch eine geniale Großartigkeit mit Ewigkeitswert auf unsere Holzbühne gebracht.
(Foto: Grote Geelstaart)
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